KI

2027 - Die KI-Agenten sind da. Das Jahr der Unruhen.

Wie könnten KI-Agenten 2027 die Arbeitswelt verändern? Eine persönliche Prognose zu Jobverlusten, sozialen Konflikten und Chancen auf mehr Wohlstand.

Von Daniel Wierbicki ·

2026 war für mich das Jahr, in dem generative künstliche Intelligenz erwachsen geworden ist. Also KI, die z. B. Text, Musik oder Videos generiert. 2027 könnte das Jahr werden, in dem sie uns die Arbeit abnimmt. Und ich glaube, dass unsere Gesellschaft auf das, was kommt, nicht annähernd vorbereitet ist.

Was sich allein 2026 verändert hat, ist beeindruckend: KI liefert immer bessere Antworten, recherchiert zuverlässiger und produziert Bilder und Videos, die kaum noch von echten Aufnahmen zu unterscheiden sind. Dieses Jahr war für mich der Wendepunkt! Fiktion und Realität sind kaum noch zu unterscheiden, wenn man gute KI-Modelle verwendet.

Für viele Menschen waren das bisher nette Spielereien. Für andere bedeutete es bereits eine existenzielle Bedrohung. Ich habe früher Logos gestaltet und dafür mehrere Hundert Euro verlangt. Heute würde mir dafür vermutlich kaum jemand zehn Euro bezahlen. Die Rechnung zu schreiben wäre aufwendiger als die eigentliche Arbeit. Doch das ist erst der Anfang.

2027: Die KI beginnt zu arbeiten

Bisher haben wir KI überwiegend als Werkzeug genutzt. Ein Mensch gibt Anweisungen, die KI erstellt Texte, Bilder oder Programmcode. Anschließend verarbeitet der Mensch die Ergebnisse. KI-Agenten verändern dieses Prinzip grundlegend und das Jahr 2027 wird für mich zum Wendepunkt einer wirtschaftlichen Revolution, die nicht ohne Unruhen einhergehen wird.

Sie können eigenständig Webseiten bedienen, Programme nutzen, recherchieren und mehrstufige Aufgaben erledigen. Das ist längst keine Science-Fiction mehr. OpenAI, Anthropic und xAI entwickeln entsprechende Systeme. Grok Bot wurde erst im August vorgestellt und kann beispielsweise bereits mit Anwendungen interagieren und komplexe Arbeitsabläufe übernehmen:

E-Mails lesen und Kundenanfragen beantworten.

Informationen aus einer Preisliste abrufen.

Angebote erstellen, mit Kunden verhandeln und Rechnungen schreiben.

Was passiert, wenn ein KI-Agent künftig 80 Prozent dieser Aufgaben zuverlässig erledigt? Ein Arbeitnehmer kostet ein Unternehmen einschließlich Arbeitgeberanteilen schnell 50.000 Euro jährlich oder mehr. Ein KI-Agent könnte viele seiner Aufgaben für einen Bruchteil dieser Summe übernehmen. Natürlich bleiben Fehler, Kontrolle und Verantwortung zunächst beim Menschen. Aber die wirtschaftliche Versuchung ist gewaltig, denn die Personalkosten gehören in vielen Unternehmen zu den größten Kostenfaktoren. Und irgendwann stellt sich ein Arbeitgeber die unangenehme Frage: Brauche ich diesen Mitarbeiter überhaupt noch?

Ich habe es ausprobiert

Dieses Jahr wollte ich einer Schulklasse demonstrieren, wie ChatGPT eigenständig einen Instagram-Beitrag veröffentlicht. Das Ganze nennt sich „ChatGPT Work“ und ist in ChatGPT mittlerweile integriert. Die Schüler waren gleichzeitig fasziniert und erschrocken. Technisch funktionierte noch nicht alles. Ausgerechnet beim Veröffentlichen scheiterte der Versuch.

Aber genau darin liegt für mich die entscheidende Erkenntnis: Was heute noch an einzelnen technischen Problemen scheitert, wird meiner Einschätzung nach in wenigen Monaten selbstverständlich funktionieren. Und dann sprechen wir nicht mehr über Spielereien, sondern über echte Arbeitsplätze. Die großen Diskussionen werden 2027 losgehen.

Die Internationale Arbeitsorganisation warnt

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Sie wurde 1919 gegründet und beschäftigt sich mit Arbeitsbedingungen, Arbeitnehmerrechten und sozialer Gerechtigkeit. Eine Untersuchung von 2025 zeigt: Weltweit ist ungefähr jeder vierte Arbeitsplatz potenziell von generativer KI betroffen. Ich halte diese Einschätzung angesichts der rasanten Entwicklung allerdings für zu optimistisch und befürchte, dass der Wandel schneller und schmerzhafter verlaufen wird.

Massive Proteste sind vorprogrammiert

Ich rechne damit, dass wir in den kommenden Jahren massive Proteste gegen künstliche Intelligenz erleben werden. Wenn Menschen ihre wirtschaftliche Existenz verlieren, während Unternehmen dank KI enorme Produktivitätsgewinne erzielen, entsteht gesellschaftlicher Sprengstoff. Viele werden fordern, KI zu verbieten. Schon heute habe ich Schüler, die KI regelrecht hassen.

Ich kann diesen Impuls menschlich absolut nachvollziehen. Aber genau hier liegt das Dilemma: Wenn wir auf KI verzichten, werden es die Amerikaner und Chinesen deshalb noch lange nicht tun. Während unsere Unternehmen auf teure Arbeitsabläufe setzen, produzieren Konkurrenten einfach schneller und günstiger. Natürlich kann man das ignorieren, aber die Konsequenzen davon nicht. Wir riskieren unsere Wettbewerbsfähigkeit und letztlich genau die Arbeitsplätze, die wir schützen wollen. Mit Wunschdenken kann man keine Wirtschaft betreiben.

Und dann kommen die Roboter

Handwerkliche Tätigkeiten sind momentan noch vergleichsweise geschützt. Aber auch das könnte sich langfristig ändern. Bereits 2025 waren weltweit rund fünf Millionen Industrieroboter im Einsatz.

Wer eine eindrucksvolle, wenn auch dystopische Zukunftsvision sehen möchte, sollte sich Animatrix anschauen, insbesondere „The Second Renaissance“. Dort eskaliert das Verhältnis zwischen Menschen und intelligenten Maschinen. Natürlich ist das Science-Fiction. Aber die gesellschaftlichen Fragen dahinter werden zunehmend real.

Unsere Politik diskutiert über eine Welt, die bald nicht mehr existiert

Angela Merkel bezeichnete das Internet 2013 einmal als „Neuland“. Mein Eindruck: Für viele heutige Politiker ist künstliche Intelligenz das neue Neuland. Besonders deutlich wird das bei der Rentendiskussion.

Wir diskutieren darüber, wie viele Menschen künftig arbeiten müssen, um unser Rentensystem zu finanzieren. Aber was passiert, wenn KI innerhalb weniger Jahre einen erheblichen Teil der heutigen Büroarbeit automatisiert? Dann werden zentrale Annahmen unserer Politik ins Wanken geraten. Wir diskutieren über die Zukunft mit wirtschaftlichen Vorstellungen aus der Vergangenheit.

Es könnte trotzdem eine großartige Zukunft werden

So düster meine Prognose auch klingt: Ich sehe eine gewaltige Chance und gehe von einer guten Zukunft aus. Natürlich mit ihren eigenen Problemen, aber in Summe einer besseren Welt.

Wenn Maschinen immer mehr Arbeit übernehmen und unsere Produktivität massiv steigt, können wir irgendwann weniger arbeiten und trotzdem wohlhabender leben. Ein bedingungsloses Grundeinkommen oder andere Formen der Beteiligung am technologischen Wohlstand könnten dabei eine wichtige Rolle spielen. Menschen könnten wieder mehr Zeit für Familie, Freundschaften, Kreativität, Bildung und persönliche Entwicklung haben.

Gerade für mich als Lehrer bedeutet das, dass es in der Schule künftig weniger darum gehen sollte, Schüler auf die Anforderungen der Wirtschaft vorzubereiten, sondern vielmehr auf ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben. Vielleicht gelingt uns etwas, das jahrtausendelang undenkbar war: Wohlstand, ohne dass jeder Mensch den größten Teil seines Lebens arbeiten muss.

Das könnte richtig großartig werden. Aber der Übergang dorthin wird hart, und daran habe ich keine Zweifel.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob künstliche Intelligenz unsere Gesellschaft verändern wird. Sondern ob wir es schaffen, den entstehenden Wohlstand gerecht zu verteilen. Denn ganz ehrlich: Wir haben keine andere Wahl!